Pro Care 2026: Drei Vorträge, ein roter Faden

Drei Vorträge, ein roter Faden: Auf dem bpa-Fachkongress zur Pro Care 2026 in Hannover wurde am zweiten Tag deutlich, dass die Pflege ihre Zukunftsfähigkeit nicht mit einzelnen Maßnahmen sichert, sondern nur im Zusammenspiel von Haltung, Technologie und ehrlicher Arbeitgeberkultur.

Was Tag zwei anders machte

Der erste Tag des bpa-Fachkongresses auf der Pro Care stand unter dem Zeichen der großen politischen Fragen: Pflegeversicherung, Regulierung, Versorgungssicherheit. Tag zwei hingegen ging dorthin, wo es konkret wird. Und unbequem. Drei Vorträge stachen dabei heraus, weil sie ein gemeinsames Muster offenlegten: Die Pflege hat kein Erkenntnisproblem. Sie hat ein Umsetzungsproblem.

Bemerkenswert: Während in den Sälen des Convention Centers über Telematikinfrastruktur und Arbeitgebermarken diskutiert wurde, veröffentlichte das Bundesgesundheitsministerium zeitgleich die Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen. Ministerin Nina Warken forderte darin, digitale Innovationen stärker in den Versorgungsalltag zu integrieren. Die Ironie? Genau das war das Thema des Tages. Und genau daran scheitert es in der Praxis.

Generationenfalle: Warum die Gen Z kein Uhrwerk ist

David Thiele eröffnete den Kongresstag mit einer Keynote, die unerwartet persönlich begann. Thiele, seit 34 Jahren in der Pflege, Geschäftsführer, Sanierer, Betreiber, erzählte nicht von seinen beruflichen Erfolgen. Er erzählte von dem Moment, als der Konflikt mit seiner eigenen Tochter so toxisch wurde, dass er handeln musste.

Seine Tochter, Jahrgang 2003, studiert Wirtschafts- und Neuropsychologie. Sie war per Videoeinspielung dabei, weil sie genau in diesem Moment eine Klausur schrieb. Allein diese Konstellation erzählte mehr über die Generationendynamik als jede Statistik.

Thieles zentrale These: Jede Generation vor der Gen Z hat irgendwann funktioniert. Egal wie aufmüpfig, wie rebellisch. Am Ende hat sich jede Generation in die bestehende Gesellschaft eingefügt. Bei der Gen Z ist er sich nicht sicher, ob das noch passiert. Und das verändert alles.

Wichtig

Die Pflegebranche konkurriert nicht nur mit anderen Pflegeeinrichtungen um junge Fachkräfte, sondern mit Porsche, Apple und jeder anderen Arbeitgebermarke, die attraktive Bedingungen bieten kann. Wer da mit Einspringpflicht und Wochenendarbeit wirbt, hat schon verloren.

Thiele wählte bewusst den Zugang über Emotion statt Empirie. Seine Grundfrage: Angst oder Liebe? Will ich mich gegen die jungen Menschen stellen, aggressiv werden, ihnen Faulheit unterstellen? Oder entscheide ich mich für Vertrauen? Er selbst brauchte Jahre für diese Entscheidung. Das macht seine Botschaft glaubwürdig, weil er nicht als Experte doziert, sondern als Vater und Führungskraft, der einen schmerzhaften Lernweg hinter sich hat.

Was beeindruckte: Seine Tochter räumte per Video mit den gängigen Vorurteilen auf. Ja, die Gen Z will Freizeit. Ja, sie sitzt am Handy. Aber die Wahrheit sei viel facettenreicher als die Liste der Klischees. Die Frage sei nicht, wie die Gen Z tickt, sondern warum die älteren Generationen so große Schwierigkeiten haben, ihr eigenes Funktionieren als Maßstab loszulassen.

TI in der Pflege: Zwischen Gedankenexperiment und Praxisschock

Sandra Stange vom bpa und Simon Maria Kremer von Lebensbaum lieferten im Anschluss einen Vortrag, der mit einem schönen Bild begann: Was wäre, wenn die Telematikinfrastruktur tatsächlich so funktionieren würde, wie wir es uns alle wünschen? E-Verordnung per Fingertipp. E-Rezept direkt an die Apotheke. Abrechnung volldigital. Keine Faxe, kein Papier, keine Medienbrüche.

Stange malte dieses Szenario in einem Gedankenexperiment aus: Frau Müller kommt in den Pflegedienst, die Gesundheitskarte wird eingelesen, alle Verordnungen sind sofort verfügbar, die ePA liefert die Diagnosen, der TI-Messenger ersetzt die Telefoniererei mit der Apotheke. Es klang nach Zukunft. Dann kam der Reality Check.

Und der fiel ernüchternd aus. Stanges Ampelsystem zeigte: Vieles ist gelb. Die E-Verordnung für häusliche Krankenpflege soll Mitte 2027 kommen. Die ePA ist da, aber leer, weil Ärzte seit Oktober 2025 zwar verpflichtet sind, Daten einzustellen, es sich aber hinzieht. Der TI-Messenger existiert, wird aber kaum genutzt. Kim-Nachrichten an Ärzte verschwinden im Nirwana.

Simon Kremer brachte dann den Praxiseinblick aus seinem ambulanten Pflegedienst. Lebensbaum hat mit dem Docs-Care-Network-Projekt bewiesen, dass digitaler Datenaustausch zwischen Pflegedienst und Arztpraxis funktionieren kann. Vitalwerte werden digital übertragen, Medikationspläne fließen strukturiert hin und her. Keine Medienbrüche, keine Abtippfehler.

Aber Kremer war ehrlich genug, die Probleme beim Namen zu nennen: Datenqualität in der ePA unklar, Verbindung zur TI bricht regelmäßig ab, Softwareanbieter haben Fachdienste nicht eingebunden, Ärzte reagieren auf Kim-Nachrichten nicht. Sein Fazit war trotzdem konstruktiv: Der Gartner-Hype-Cycle zeigt, dass jede Technologie durch ein Tal der Enttäuschung muss. Bei der TI sind wir mittendrin. Die Lösung ist nicht Zurückfallen auf Papier, sondern Durchhalten und Investieren.

Die Lösung ist nicht, wir bleiben in den alten Systemen und machen alles auf Papier weiter. Die Lösung ist, wir gehen da durch und digitalisieren einfach immer weiter.

Simon Maria Kremer
Leitung Unternehmensentwicklung, Lebensbaum GmbH

Ein wichtiges Detail: Seit dem 1. Januar 2025 können ambulante Pflegedienste die Leistungen nach SGB XI Paragraf 36, 39 und 45b vollständig digital über die TI abrechnen. Kein Medienbuch mehr, keine Unterschriften auf Papier. Das funktioniert und spart enorme Verwaltungszeit. Aber die Pflicht zur digitalen Abrechnung kommt erst Ende 2027, und bis dahin müssen die Softwareanbieter noch den Paragraf 37.3 abbilden. Die Erprobungsphase startet im Sommer.

Employer Branding: Schluss mit bunten Folien

Giovanni Bruno und Thomas Hilse von fokus digital und Hilse:Konzept lieferten den dritten Vortrag des Tages. Und sie wurden deutlich.

Hilses Einstieg war eine nüchterne Bestandsaufnahme: Von der Politik sei nichts zu erwarten. Die Pflegereform trage bereits im zweiten Satz den Finanzierungsvorbehalt. Weder werde die Refinanzierung entrümpelt noch gebe es neue Steuerzuflüsse. Punkt.

Dann wurde es konkret. Hilse und Bruno zeigten eine Negativkaskade, die vielen im Raum bekannt vorkam: Personalmangel führt zu Mangelverwaltung, kippt die Stimmung, erzwingt Lückenstopfen, treibt Kosten, reduziert Leistungsangebote, kann bis zur Insolvenz führen. Hilse stellte klar: Die Insolvenzwelle in der Pflege sei keineswegs vorbei, sie werde nur unter der Hand erledigt. Große Träger reduzierten Standorte und nennten es Umorganisation.

Ihre Kernbotschaft: Employer Branding ist nicht ein bisschen Social-Media-Werbung. Es beginnt bei der ehrlichen Frage: Sind wir ein guter Arbeitgeber? Und wenn die Antwort Nein lautet, hilft kein Recruiting-Budget der Welt.

Tipp

Bruno nannte konkrete Zahlen: Mit einer gut aufgesetzten Karriereseite und Google- sowie Social-Werbung kostet eine qualifizierte Bewerbung in München rund 200 Euro. Ohne Fundament, also ohne echte Arbeitgebermarke, können es schnell 1.000 bis 2.000 Euro werden. Beide Summen sind nicht refinanziert.

Besonders eindrücklich: Brunos Erfahrung, dass Fluktuationsraten von über 30 Prozent in der Pflege keine Seltenheit sind. Und dass in manchen Einrichtungen Führungskräfte sich aktiv gegen Mitarbeiterbefragungen aussprechen. Sein Kommentar dazu war diplomatisch, aber deutlich.

Hilse ergänzte: Wer sich auf den Weg mache, solle bitte nicht mit beratergestützten Werten arbeiten. Vielfalt, Zuverlässigkeit, Wertschätzung, das schreibe jeder auf seine Karriereseite. Es differenziere nicht. Was differenziere, seien echte Geschichten echter Mitarbeitender. Warum arbeiten sie hier? Was war ihr erster Tag? Wer hat sie eingearbeitet? Storytelling statt Buzzwords. Und dann, betonte Bruno, teste man mit kleinen Budgets von 50 bis 100 Euro pro Anzeige, welche Geschichte bei welcher Zielgruppe ankommt. Datenbasiert, nicht aus dem Bauch.

Der rote Faden: 80 Prozent haben nichts mit Technik zu tun

Wer den drei Vorträgen aufmerksam zuhörte, erkannte ein gemeinsames Muster. Es geht nicht um Technologie. Es geht nicht um Recruiting-Kanäle. Es geht nicht einmal primär um die Gen Z. Es geht um die Frage, wie sich Organisationen verändern.

David Thiele musste sich selbst verändern, bevor er seine Tochter und damit die Gen Z verstehen konnte. Simon Kremer baut technisch beeindruckende TI-Lösungen, scheitert aber an Ärzten, die nicht antworten, und Systemen, die nicht miteinander reden. Bruno und Hilse zeigen, dass kein digitales Recruiting funktioniert, wenn die Einrichtung selbst nicht attraktiv ist.

In der Diskussion zur Telematikinfrastruktur brachte es ein Teilnehmer aus dem Plenum auf den Punkt: 80 Prozent von Digitalisierung haben nichts mit Technik zu tun. Es fehlt die normale Begleitung, die Betreuung, die Veränderung der Prozesse im Alltag. Es fehlt an Schulung, die nicht einmalig stattfindet, sondern wiederkehrend. An Software, die intuitiv ist. An Organisationen, die ihren Mitarbeitenden zutrauen, Veränderung mitzugestalten.

Das passt zu dem, was das Bündnis Digitalisierung in der Pflege zeitgleich zum Kongress forderte: Die anstehende Pflegereform müsse konsequent auf Digitalisierung setzen. Aber eben nicht als technisches Projekt, sondern als Organisationsentwicklung. Es brauche nutzenstiftende Digitalisierung, keine Technik um der Technik willen.

Die aktuelle Bertelsmann-Studie untermauert den Befund aus einer anderen Perspektive: In Pflege, Handwerk und IT verschärft sich der Fachkräftemangel nicht nur, weil zu wenige nachkommen, sondern weil sich Beschäftigte aktiv abwenden. Nicht wegen des Gehalts. Wegen der Bedingungen. Wegen der Führung. Wegen des Gefühls, nicht gehört zu werden.

Was bleibt

Die Pro Care 2026 hat an ihrem zweiten Tag drei Dinge deutlich gemacht. Erstens: Die Pflege kann sich nicht mehr leisten, einzelne Symptome zu behandeln, ob Fachkräftemangel, Digitalisierungslücke oder Generationenkonflikt. Diese Themen gehören zusammen und sie müssen zusammen gedacht werden.

Zweitens: Es gibt funktionierende Ansätze. Kremers TI-Projekt zeigt, dass digitale Prozesse echte Zeitersparnis bringen. Brunos Zahlen belegen, dass systematisches Employer Branding Bewerbungskosten senkt. Thieles Ansatz beweist, dass der Generationenkonflikt lösbar wird, wenn Führungskräfte bei sich selbst anfangen.

Drittens: All das setzt organisatorische Veränderung voraus. Nicht die Art, die in Strategiepapieren steht. Sondern die Art, die im Alltag stattfindet: neue Prozesse etablieren, Menschen mitnehmen, Fehler zulassen, iterativ besser werden.

Oder wie es aus dem Publikum kam: Fangen Sie an. Stück für Stück. Die Lösung ist nicht der große Klopper, sondern die Bereitschaft, durchzuhalten.

Zusammenfassung
  • Die Gen Z ist keine defekte Version früherer Generationen. Der Wandel erfordert, dass Führungskräfte sich selbst verändern, nicht nur ihre Mitarbeitenden.
  • Die Telematikinfrastruktur funktioniert technisch in Teilen, aber scheitert an Akteuren, die nicht mitmachen, und an fehlender Prozessbegleitung.
  • Employer Branding beginnt bei der ehrlichen Frage, ob die eigene Einrichtung ein guter Arbeitsplatz ist. Ohne dieses Fundament verpufft jedes Recruiting-Budget.
  • 80 Prozent von Digitalisierung haben nichts mit Technik zu tun. Es geht um Haltung, Prozesse und die Bereitschaft zur organisatorischen Veränderung.