„Register der Ratlosigkeit“: Was das ProCare-Panel über die Zukunft der Pflegefinanzierung verrät
Auf dem ProCare Kongress 2026 in Hannover stritten Verbandsvertreter über die Zukunft der Pflege. Ihr Befund ist so einhellig wie alarmierend: Das System steht am Rand der Zahlungsunfähigkeit, und die Politik liefert Papiere ohne Zahlen. Was das für Träger der Sozialwirtschaft bedeutet.
Die Lage: Zahlen, die man nicht ignorieren kann
Wer am 10. Februar 2026 im Saal 3 der ProCare in Hannover saß, bekam in 60 Minuten eine schonungslose Diagnose der deutschen Pflegefinanzierung. Das Panel „Zwei Gesetze, eine Kommission. Und jetzt ist alles gut in der Pflege?“ versammelte Christine Vogler (Deutscher Pflegerat), Anna Leonhardi (DEVAP), Dr. Joachim Rock (Paritätischer Wohlfahrtsverband) und Bernd Meurer (bpa) auf der Bühne. Die Moderation übernahm Andrea Peters.
Die Zahlen, die auf den Tisch kamen, sind für jeden Träger relevant: 3.240 Euro beträgt der durchschnittliche jährliche Eigenanteil in der stationären Pflege. 500 Millionen Euro stehen als Außenstände bei Sozialhilfebehörden offen. Die Pflegekassen verfügen nur noch über 1,6 Monatsausgaben als Liquiditätsreserve. Das ist kein abstraktes Politikthema. Das ist die wirtschaftliche Realität, in der Ihre Einrichtung gerade arbeitet.
Der bpa beziffert die offenen Forderungen gegenüber Sozialhilfebehörden auf fast eine halbe Milliarde Euro. Für viele Einrichtungen sind diese Zahlungsverzögerungen existenzbedrohend. Pflegeeinrichtungen, so bpa-Präsident Meurer, seien „nicht die Kreditgeber der Kommunen“.
„Register der Ratlosigkeit“: Warum der Zukunftspakt enttäuscht
Im Dezember 2025 legte die Bund-Länder-Arbeitsgruppe ihren „Zukunftspakt Pflege“ vor. bpa-Präsident Bernd Meurer hatte das Ergebnis schon vor dem Kongress als „Register der Ratlosigkeit“ bezeichnet. Auf dem Panel in Hannover wurde deutlich, warum: Alle konkreten Zahlen wurden aus dem Papier entfernt. Die diskutierte Eigenanteilsdeckelung von 1.000 bis 1.200 Euro? Gestrichen. Der Deckel für Investitionskosten bei 200 Euro? Verschwunden. Übrig blieben Absichtserklärungen ohne finanzielle Verbindlichkeit.
Dr. Joachim Rock vom Paritätischen brachte es auf eine Formel, die im Saal hängen blieb: „Organisierte Unverantwortlichkeit“. Damit meinte er das Zusammenspiel aus Bund, Ländern und Kommunen, in dem jede Ebene auf die andere zeigt und niemand die Finanzierungslücke schließt. Es ist eine Diagnose, die in der Sozialwirtschaft viele aus ihrer täglichen Verhandlungspraxis kennen.
Auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, die als Schirmherrin der ProCare auftrat, wurde von den Panelisten adressiert. Ihr Fokus auf Prävention als Lösung der Pflegefinanzierung wurde skeptisch bewertet. Die Panelisten verwiesen auf eine Studie des IW Köln, die zeigt: Prävention allein löst die Finanzprobleme der Pflegeversicherung nicht. Die Pflegebedürftigkeit wird verschoben, nicht verhindert.
Der seltene Konsens: Alle Verbände sagen dasselbe
Was das Panel in Hannover so bemerkenswert machte, war nicht die Kritik selbst. Es war die Breite des Konsenses. Auf der Bühne saßen Vertreter, die sich in vielen politischen Fragen grundsätzlich uneinig sind: der private Arbeitgeberverband bpa, die evangelische Diakonie über den DEVAP, der Paritätische als Dachverband der freien Wohlfahrtspflege, der Deutsche Pflegerat als Stimme der Pflegefachpersonen. Und alle sagten im Kern dasselbe.
Dieser Konsens beschränkt sich nicht auf die Bühne. Eine Auswertung der Pressemitteilungen und Stellungnahmen der vergangenen Wochen zeigt: Die Kritik am Zukunftspakt ist verbandsübergreifend und inhaltlich deckungsgleich.
- DEVAP (15.12.2025): „Fachlich ein Fortschritt, politisch eine Hängepartie“
- BAd e.V. (15.12.2025): „AG zeigt keinen Mut zur echten Reform“
- VKAD (12.12.2025): „Ein Papier voller Andeutungen ohne Verbindlichkeit“
- Deutscher Pflegerat (12.12.2025): „Analyse ohne Konsequenzen“
- AWO (11.12.2025): Kritisiert fehlende nachhaltige Finanzreform
- Diakonie Deutschland (11.12.2025): Fordert „Weichen für nachhaltige Finanzierung“
- BAGFW (23.01.2026): Eigenanteil-Deckelung gefordert, aber „ohne Finanzierungspfad“
Sieben Verbände, eine Botschaft: Die Eckpunkte sind inhaltlich nachvollziehbar, aber politisch unverbindlich. Wer in der Sozialwirtschaft arbeitet, kennt dieses Muster. Gute Analysen, die in der Umsetzung versanden, weil niemand die Finanzierung regelt.
Das Ergebnis der Bund-Länder-AG ist ein Papier voller Andeutungen ohne Verbindlichkeit. Pflege braucht keine weiteren Analysen, sondern politischen Mut zur Umsetzung.
Pressemitteilung vom 12. Dezember 2025
Was konkret gefordert wird
Das Panel blieb nicht bei der Diagnose stehen. Über die konkreten Forderungen herrschte ebenfalls weitgehend Einigkeit, auch wenn die Schwerpunkte je nach Verband unterschiedlich gesetzt wurden.
Finanzierung neu ordnen
72 Unterstützer aus der Pflegebranche hatten vor dem Kongress einen gemeinsamen Brief an den Bundeskanzler unterzeichnet. Das entspricht etwa 30 Prozent der Branche. Ein zweiter, breiter angelegter Brief sei laut Meurer bereits in Vorbereitung. Die Kernforderung: eine echte Eigenanteilsdeckelung mit konkreten Zahlen, nicht nur Absichtsbekundungen.
Bürokratie abbauen
Meurer verwies darauf, dass in deutschen Pflegeheimen bis zu 17 verschiedene Kontrollinstanzen prüfen. Auch der bpa hatte das Thema kurz vor dem Kongress in einer eigenen Pressemitteilung aufgegriffen und vor „Kontrollwahnsinn“ gewarnt. Die Forderung nach Deregulierung und einer Flexibilisierung der 50-Prozent-Fachkraftquote war auf dem Podium Konsens.
Fachkräftesicherung beschleunigen
Christine Vogler brachte die Kompetenzvermutung als konkreten Vorschlag ein: Wenn Behörden die Berufsanerkennung ausländischer Pflegekräfte nicht innerhalb von sechs Wochen bearbeiten, soll die Qualifikation automatisch als anerkannt gelten. Der Deutsche Pflegerat hatte diese Forderung bereits am 17. Dezember 2025 in einer eigenen Pressemitteilung veröffentlicht. Auf dem Podium unterstützten sie alle Panelisten.
Sektorengrenzen auflösen
Ein Thema, das alle vier Panelisten teilten: Entsektoralisierung. Die künstliche Trennung zwischen ambulanter und stationärer Pflege erzeugt Bürokratie, verhindert innovative Versorgungskonzepte und erschwert die Finanzierung. Passend dazu zeigte sich auf dem Kongress selbst, was möglich ist, wenn sektorenübergreifend gedacht wird: Der bpa-Zukunftsaward in der Kategorie „Innovative Versorgung“ ging an eine palliative Tagespflege in Heidelberg, die ambulante und stationäre Elemente bewusst verbindet.
Was Träger jetzt tun können
Die politische Blockade ist real. Aber sie darf keine Ausrede sein, die eigene Organisation nicht weiterzuentwickeln. Drei Handlungsfelder, die auf dem Kongress sichtbar wurden, können Träger unabhängig von der großen Pflegereform angehen.
Digitalisierung als Entlastungshebel nutzen. Am Vortag des Kongresses veröffentlichte das Bündnis Digitalisierung in der Pflege eine Pressemitteilung mit dem Titel „Pflegereform muss auf Digitalisierung setzen“. Auf dem Kongress selbst zeigten Praxisbeispiele, was heute schon funktioniert: sprachgesteuerte Pflegedokumentation, SIS-Unterstützungstools für rund 500 Euro im Monat, die „Hunderte von Arbeitsstunden“ sparen, digitale Klientenkontenführung mit virtuellen IBAN-Konten. Die Technologie ist da. Die Frage ist, ob die Organisation bereit dafür ist.
Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor begreifen. Diplom-Meteorologe Sven Plöger zeigte in seiner Keynote, dass Klimaanpassung in Pflegeeinrichtungen kein Luxusthema ist, sondern betriebliche Notwendigkeit. Das AWO-Projekt HIGELA hat dazu drei Jahre lang Praxisdaten gesammelt. Der Paritätische startete im Januar 2026 das Projekt „Nachhaltig satt“ zur ressourceneffizienten Verpflegung. Beides sind konkrete Ansätze, die Kosten senken und gleichzeitig die Versorgungsqualität verbessern.
Fördermittel systematisch erschließen. Die auf dem Kongress vorgestellte contec-Studie zu Wagnis und Gewinn empfiehlt eine Unternehmerrisiko-Vergütung von 5,5 Prozent. Gleichzeitig machten mehrere Vorträge deutlich, dass viele Träger bestehende Förderprogramme nicht ausschöpfen. Bis zu 70 Prozent der Recruiting-Kosten können über Fördermittel finanziert werden. Das ist kein Geheimwissen, aber es erfordert systematische Arbeit.
Prüfen Sie, ob Ihr Träger für eine INQA-geförderte Beratung in Frage kommt. Bis zu 80 Prozent der Beratungskosten können übernommen werden. Das betrifft nicht nur Digitalisierung, sondern auch Organisationsentwicklung, Führungskräfteentwicklung und Nachhaltigkeitsstrategien.
Fazit: Warten ist keine Strategie
Das ProCare-Panel hat gezeigt, was viele in der Branche spüren: Die große Pflegereform wird nicht über Nacht kommen. Der „Zukunftspakt Pflege“ ist ein Analysepapier, kein Handlungsplan. Die Verbände sind sich einig wie selten zuvor, aber politischer Konsens zwischen bpa und Diakonie allein ändert noch kein Gesetz.
Für Führungskräfte in der Sozialwirtschaft bedeutet das: Die Rahmenbedingungen werden sich kurzfristig nicht verbessern. Aber innerhalb dieser Rahmenbedingungen gibt es Spielräume, die viele Träger noch nicht ausschöpfen. Digitalisierung, Fördermittel, neue Versorgungskonzepte, Nachhaltigkeit als Kostensenkungshebel. Das sind keine Ersatzhandlungen. Das sind die Stellschrauben, die Trägern helfen, die nächsten Jahre zu überstehen, bis die Politik liefert. Oder auch, falls sie es nicht tut.
- Die Pflegefinanzierung steht vor dem Kollaps: 3.240 Euro Eigenanteil, 500 Mio. Euro Außenstände, 1,6 Monate Liquiditätsreserve der Kassen
- Der „Zukunftspakt Pflege“ enthält keine verbindlichen Zahlen. Sieben Verbände kritisieren das Ergebnis unisono
- Konsens auf dem Podium: Eigenanteilsdeckelung, Kompetenzvermutung, Bürokratieabbau, Entsektoralisierung
- Handlungsspielräume für Träger: Digitalisierung, Fördermittel, Nachhaltigkeit, innovative Versorgungskonzepte